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Der Begriff TantraDer Begriff Tantra ist Sanskrit. Heissen kann er: Schiffchen oder Schussfaden (im Zusammenhang mit der Herstellung von Tuch), Webstuhl, Gewebe, Hindurchfliessendes, Zusammenhang, Gefüge, Kontinuität, Ausdehnung, Abfolge, Herkunft oder fortwährender Prozess, Ablauf einer Zeremonie, System, Theorie, Lehre, wissenschaftliches Werk, Abteilung eines Werks. Die Favoriten in der Tantra-Literatur sind "Weben" und "Ausdehnung". Der Asien-Autor Helmut Uhlig etwa erläutert: "Das Wort, das von Tan Faden herkommt, bedeutet soviel wie Gewebe und meint die Allverbundenheit des Seienden und damit auch die aller Menschen, die in vielfältigen Spannungen zwischen Mann und Frau, zwischen Arm und Reich, zwischen Gut und Böse leben." (Die grosse Göttin lebt, 1992) Der Yoga- und Tantra-Experte Jonn Mumford sieht die Sache konkreter und gleichzeitig theoretischer: "Die Sanskritwurzel tan bedeutet 'Faden, Gewebe', tra bezeichnet ein Werkzeug. Die wörtliche Übersetzung von tantra lautet demzufolge also 'Fadenwerkzeug'; die fein ineinander verschlungenen Fäden, die das Nervengewebe des autonomen Nervensystems bilden, werden von der Shakti-Energie, die durch sie hindurchströmt, aufgeheizt." (Tantrische Sexualmagie, 1984) Margot Anand, die in der Nachfolge von Osho Tantra im Westen in der Form des Neo-Tantra populär gemacht hat, hält die an das westliche Ego adaptierte Erklärung bereit: "Tantra heisst 'weben' in dem Sinne, dass die vielfältigen und oft widersprüchlichen Aspekte des Ich zu einem harmonischen Ganzen verwoben werden." (Tantra oder Die Kunst der sexuellen Ekstase, 1990) Wie bei Jonn Mumford spielen auch bei Margo Anand Energien was auch immer damit gemeint ist eine wichtige Rolle: "Tantra heisst auch 'Ausdehnung', mit der Bedeutung, dass wir uns ausdehnen und der Freude entgegenwachsen, wenn wir unsere eigenen Energien erst einmal verstehen und harmonisch vereinigen." Der Yogalehrer André van Lysebeth wiederum erläutert: "Fügt man der Wurzel tan (ausziehen, ausbreiten) das Suffix tra (welches das Instrumentelle ausdrückt) hinzu, dann erhält man tan-tra, im wörtlichen Sinn also das Instrument zur Erweiterung des Bewusstseins, um Zugang zum Überwussten zu erlangen, das die Grundlage des Seins und Zentrum unbekannter Kräfte ist, die das Tantra erwecken und einsetzen will." (Tantra für Menschen von heute, 1990) Verwendet wird das Wort Tantra erst seit dem 5/6. Jahrhundert: Es bezeichnet Texte, darunter auch solche, die nichts mit Tantrismus zu tun haben. Diese Benennung ist im Laufe der Zeit auf den Inhalt der Schriften mit religösen Unterweisungen, magischen Ritualen, Zauberformeln und alchemistischen Rezepten ausgedehnt worden. Edi Goetschel |
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